Die Wüste blüht

Simone S.*


Eine Frau, die viele Jahre homosexuell empfand, berichtet von ihrem Weg der Veränderung.
Heute ist sie professionelle Beraterin und eine gefragte Seelsorgerin.

Lange Zeit wusste ich nicht, wer ich eigentlich bin. Ich wusste nicht, wie ich mein Leben gestalten sollte. Eine große Traurigkeit lag beständig auf meiner Seele. Innerlich fühlte ich mich vertrocknet, leer und abgeschnitten vom Leben. Mit zwanzig war ich am Ende, wollte mit meinem Leben Schluss machen. Doch gerade zum richtigen Zeitpunkt sprach mich eine Frau an und zeigte echtes Interesse an mir. Ich konnte mich öffnen und die ganze Not brach aus mir heraus. Ich schöpfte Hoffnung.

Meine homosexuelle Neigung spürte ich schon mit etwa 12 Jahren, ich wollte sie aber nicht wahrhaben. Es verwirrte mich, dass ich mich zu anderen Mädchen hingezogen fühlte. Ich schwärmte für eine Lehrerin und verstand erst viel später, dass ich mich in Wirklichkeit nach der Geborgenheit einer Mutter sehnte. Mit anderen Kontakt aufzunehmen, fiel mir schwer, ich fühlte mich wie in einem Gefängnis. Erst später begriff ich, dass ich bis dahin keine eigene Persönlichkeit entwickelt und keinen Kontakt zu mir selbst gefunden hatte.

Nach dem Realschulabschluss absolvierte ich ein hauswirtschaftliches Jahr. In der Zeit gelang es mir, mehr aus mir heraus zu kommen und Kontakte zu anderen Menschen zu finden.
In der anschließenden Ausbildung verliebte ich mich zum ersten Mal in eine Frau und lebte heimlich mit ihr zusammen. Zum ersten Mal spürte ich so etwas wie Geborgenheit und Zugehörigkeit – und doch war ich nicht glücklich, denn meine eigene tiefe innere Leere wurde mir dadurch nur noch bewusster. Als die Ausbildung zu Ende war, brach ich die Beziehung ab, weil ich spürte, dass die tiefe Abhängigkeit zu dieser Frau mir alle Lebensenergie aus dem Leibe saugte. Diesen Abbruch verkraftete ich sehr schwer, es war wie ein Sterben.
Zur selben Zeit lernte ich eine Frau kennen, die sich für mich interessierte und mir helfen wollte. Ihr konnte ich mich mit meiner Not anvertrauen. Sie verurteilte mich nicht, sondern war bereit, mir zur Seite zu stehen, um die schwere Zeit der Ablösung durchzustehen. Wäre sie nicht gewesen, hätte ich meinen Plan, mir das Leben zu nehmen, in die Tat umgesetzt.

Ich wollte mich verändern. Warum? Weil ich mich nach befreiten Beziehungen zu Frauen und Männern sehnte. Diese Sehnsucht hätte ich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht formulieren können, erst später ging mir auf, dass ich mir immer gewünscht hatte, selbst jemand zu sein und die andere Person als ein Gegenüber zu erleben.
Ich begann, mich auf einen langen Prozess der Veränderung mit vielen Höhen und Tiefen einzulassen. Dazu suchte ich mir eine Seelsorgerin, mit der ich zahlreiche Gespräche hatte. Allmählich begann mir klar zu werden, dass ich in meiner Kindheit sehr verletzt worden war. Da ich aber noch lange Zeit zu diesen schmerzhaften Erlebnissen keinen emotionalen Zugang fand, änderte sich auch nicht viel in meinem Leben. Ich litt weiterhin, fühlte mich einsam, spürte einen tiefen Mangel und war außerstande, irgendwo Erleichterung zu finden. Nach vier Jahren hielt ich die innere Einsamkeit nicht mehr aus und es entstand eine weitere romantisch-homosexuelle Beziehung. Hier kam es zu einer tiefen, emotionalen Verschmelzung, die große Glücksgefühle in mir auslöste. Ich stellte mir vor, mit dieser Frau mein Leben zu verbringen. Aber nach zwei Jahren spürte ich, dass auch diese Beziehung keine Antwort auf die tiefen Bedürfnisse in meinem Inneren gab. Wiederum erlebte ich, dass eine schmerzhafte Abhängigkeit entstanden war und die Sehnsucht nach Freiheit übermächtig wurde. Dazu kam, dass mir gerade in der Zeit sehr deutlich wurde, dass Gott echte Freiheit anbietet. Zwar konnte ich mir nicht vorstellen, wie sich das anfühlt, aber ich wollte mich auch nicht damit abfinden, dass diese Freiheit für mich nicht zugänglich sein sollte.

So löste ich mich aus der Beziehung und stürzte wieder in eine tiefe Verzweiflung. Lange Zeit trauerte ich der Beziehung nach. Ich trauerte über den Verlust der Geborgenheit, die ich in ihr erlebt hatte, über das Loch der Einsamkeit, das mich jetzt wieder einholte. Und ich war traurig, dass alles nur eine Illusion gewesen war, die nun wiederum enttäuscht worden war.

Heute weiß ich, dass meine homosexuellen Empfindungen und Gedanken Signale waren für etwas, das viel tiefer lag. Mit Hilfe einer anderen Seelsorgerin führte Gott mich ganz behutsam an die Wurzeln meiner homosexuellen Empfindungen: Verletzungen aus der Kindheit und damit verbundene tiefe Schmerzen.
Mir wurde klar, dass meine Mutter während meiner Kindheit nicht in der Lage gewesen war, mir die Liebe und Geborgenheit zu geben, die ich gebraucht hätte. Meine Mutter wollte nur zwei Kinder. Als sie mit mir schwanger war, war es ihr zuviel und sie wollte mich eigentlich nicht haben. Das äußerte sich darin, dass ich oft bei meiner Oma abgeliefert wurde, damit die übrige Familie etwas unternehmen konnte. Meine Mutter war selbst eine sehr bedürftige und verletzte Frau, die ihre Erfüllung und Befriedigung in ihren Kindern suchte. Es gab unzählige Tabus, über die man nicht sprechen durfte. Wagte man es doch, wurde das mit Kritik, Vorwürfen und Ablehnung bestraft. Alle hatten so zu fühlen und zu denken wie sie. Mit einem einzigen Blick konnte sie uns Kinder zum Schweigen bringen. Auf Probleme oder Bedürfnisse anderer reagierte sie hilflos und mit Abwehr, außer wenn es um Fragen wie Gesundheit und Essen ging.

Aus Erzählungen weiß ich, dass ich das Lieblingskind meines Vaters war. Meine Mutter sagte: „Euer Vater konnte mit seinen Kindern immer nur in den ersten Lebensjahren umgehen, danach zog er sich zurück.“
Ich selbst kann mich nicht daran erinnern, einen inneren emotionalen Bezug zu meinem Vater empfunden zu haben. Wenn er mich sah, fragte er zwar stets, wie es mir ginge, aber ich hatte nie den Eindruck, dass er darauf wirklich eine Antwort wollte. Er lebte in seiner eigenen Welt, versuchte ab und zu Kontakt aufzunehmen. Meine Mutter unterstützte noch die Entfremdung, die sich mehr und mehr zwischen meinem Vater und seinen Kindern einschlich, indem sie uns von ihren Problemen mit ihm berichtete.
So wuchs ich in dem Gefühl einer großen inneren Verlassenheit auf, die später zum Motor wurde für meine Suche nach einer Frau, die die innere Leere in mir ausfüllen sollte. Meine Suche wurde zu einer schmerzhaften Sehnsucht. In der Pubertät verband sich diese Sehnsucht mit dem Erwachen meiner sexuellen Gefühle. Ich fühlte mich zu Frauen hingezogen und verliebte mich in sie.

Schon in jungen Jahren war mein Glaube an Jesus Christus ein tiefer Halt in meinem Leben. Damals hatte ich noch keine Ahnung, was hinter meinen homosexuellen Empfindungen steckte. Mein Alltag war geprägt von Schüchternheit, Minderwertigkeitsgefühlen, traurigen und negativen Gedanken. Ich litt unter dem ständigen Gefühl, dem Leben nicht gewachsen zu sein. Die schmerzhafte Sehnsucht nach einem Zuhause bei einer Frau und die daraus resultierende Abhängigkeit, die ich Mädchen und Frauen gegenüber empfand, stürzten mich immer wieder in Verwirrung und in eine ständig depressive Grundstimmung. Ich machte Gott Vorwürfe, weil ich den Eindruck hatte, dass er mir nicht half. Warum stillte niemand meinen Mangel? Ich wollte auf eine lesbische Beziehung nicht verzichten. Es war mir früh bewusst, dass Gott Homosexualität nicht wollte. Das war für mich aber kein moralischer Druck, sondern eher eine Verheißung, dass es noch was anderes geben müsste. Aber als ich keinen Weg fand, davon loszukommen, begann ich, Gott anzuklagen und zog die lesbische Beziehung vor, die mir zumindest ein bisschen Geborgenheit brachte.
Aber – und das hat mein Herz im Laufe der Zeit für Jesus eingenommen – er hat mich nie im Stich gelassen. Bei ihm fühlte ich mich nie verurteilt, sondern ermutigt, es doch weiterhin zu versuchen. Er stand zu mir und hat mich in großer Barmherzigkeit durch die Jahre begleitet. Er hat mich herausgeliebt aus meiner inneren Wüste hin zu einem blühenden Land der Hoffnung und Entfaltung. Er hat mir immer wieder Menschen an die Seite gestellt, die mich auf meinem Weg ermutigten. Seine Hilfe geschah aber nicht wie aus einem Automaten. Die Veränderung musste „durch mich hindurch“. Sie musste in mir geschehen. Für diesen Tiefen-Prozess gab es keine „fromme“ Abkürzung

Mein Prozess der Veränderung war mit viel Trauer und Tränen verbunden, es gab immer wieder Phasen der Verzweiflung, aber auch Erleichterung und Trost. Das Gute dabei war, dass ich mich selbst immer besser kennenlernte und dadurch motivierter wurde, den Weg der Veränderung weiter zu gehen.

Der erste Schritt war eine Entscheidung: Ich beschloss, auf das Ausleben meiner homosexuellen Empfindungen zu verzichten. Das war sehr schwer. Wenn mich jemand fragen würde, warum ich das tat, obwohl es doch so schwer war, was würde ich antworten? Warum wollte ich das eigentlich? War es die Sehnsucht nach Freiheit, die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, das anders aussah, als was ich bisher erlebt hatte? War es der Wunsch, Gottes verändernde Kraft zu erfahren? Wollte ich der eigenen Selbstverachtung entkommen, die mich so oft befiel? Spürte ich die Illusion, die in einer lesbischen Beziehung lag? So genau weiß ich das gar nicht. Vielleicht war es eine Mischung aus all dem. Eines nur ist sicher: Ich tat es nicht, weil ich einen moralischen Druck spürte; darüber hätte ich mich hinweg gesetzt. Aber ich spürte Gottes Angebot, seine Liebe wirklich tief in meinem Herzen zu erleben und Heilung zu erfahren – ich glaube, genau das hat mich nie losgelassen.

Ohne Unterstützung durch Menschen, die mich liebten, die mich hielten und bei denen ich mich sicher fühlte, hätte ich die innere Leere, die auf diesen Schritt folgte, nicht ausgehalten. Dann erkannte ich in großer Traurigkeit, dass meine Eltern mich nicht so angenommen haben, wie ich bin. Dass ich immer so sein musste, wie sie es wollten. Bitterkeit und Unversöhnlichkeit brachen in mir als eine tief verborgene Wunde auf. Wie wenig war ich auf das Leben vorbereitet worden! - Mir wurde auch bewusst, dass ich mich als Reaktion darauf tief in eine innere Klagesucht, in tiefes Selbstmitleid verstrickt hatte. Nun wollte ich heraustreten und nüchtern anerkennen, wie wenig ich darüber wusste, was ich fühlte, dachte und was ich wollte. Und dann der mühsame Weg, genau das herauszufinden und zu leben.

Auf meinem langen Weg der Veränderung gab es drei Frauen, die mich begleiteten. Vieles erkämpfte ich auch ohne Hilfe von Menschen. Und doch war es hilfreich, wenn in der Seelsorge jemand dabei war, der mit mir zusammen die große innere Leere, den Schmerz der mangelnden Liebe und Wertschätzung, die Ängste und die Nicht-Identität aushielt. Wie „dumm“ und unfähig kam ich mir dabei oft vor – und doch erlebte ich mehr und mehr die „Auferstehung“ meiner eigenen Persönlichkeit.
Lange Prozesse folgten: Vergebung, Loslassen und der Verzicht auf die nicht erfahrene Liebe. Das Stehenlassen der Rätsel aus der Beziehung zu meinen Eltern. Die Bereitschaft, auf klärende Gespräche zu verzichten, die mit den Eltern nicht möglich waren.
Die Wut kam erst sehr spät in mir auf. Lange nahm ich meine Eltern in Schutz und traute mich nicht, sie vor mir selbst und Gott anzuklagen. Aber als ich dann Wut über die schmerzhaften Erfahrungen empfand, war das eine große Erleichterung und half mir, ehrlich zu vergeben.

Allmählich kam ich immer tiefer in emotionalem Kontakt mit den Erfahrungen, die in meinem Innern Schmerz und Trauer – viele ungeweinte Tränen – wie verborgene Kammern gebildet hatten. Gottes heilende Kraft und sein Trost, der tiefer reichte, ermutigte mich, zu mir zu stehen. Und nun wusste ich: Ja, ich bin verletzt worden. Ja, es ist legitim, Schmerz und Trauer zu empfinden. Oft habe ich ganz lange geweint, manchmal für mich allein, manchmal mit Freunden zusammen. Tiefe Erleichterung machte sich in mir breit.

Es gab viele solcher Phasen, kürzere und längere. Manchmal kam ich mir vor wie jemand, der viele, viele Runden dreht. Ein ums andere Mal kamen Schmerz und Bitterkeit, Trostlosigkeit und Beziehungslosigkeit aus der Tiefe meiner Seele in mein Bewusstsein. Zwischendrin „streikte“ ich immer wieder, versuchte alles zu verdrängen, weil meine Seele die innere Not nicht mehr aushalten konnte. Aber immer wieder waren Menschen da, die mich hielten und ermutigten.

Vergebung wurde mein Rettungsanker. Vergebung ist für mich ein Weitergeben an Gott, der mit all dem fertig wird, was ich nicht hinkriege. Mir wurde sehr bewusst, dass ich das nicht „machen“ kann. Manchmal brauchte ich lange, bis ich mir die vielen Verletzungen und ihre schmerzhaften Auswirkungen eingestehen und vergeben konnte. Vergeben bedeutete für mich auch, loszulassen: alle Ansprüche, die ich noch an meine Mutter und meinen Vater hatte, alle Wünsche, jemals noch in einem Menschen Mutter und Vater zu finden. Manchmal erschien es mir undenkbar, wie ich das anstellen sollte. Und doch ging es immer weiter und die Freiheit, ich selbst sein zu dürfen und auch zu wissen, wer ich bin, löste tiefe Freude in mir aus.
Dieser lange und sehr schwere Weg hat mich Geduld und Barmherzigkeit mit mir selbst und mit anderen gelehrt.

In meinem Prozess lernte ich, die tieferen Gefühle, wie etwa meine schmerzhafte Sehnsucht nach einer guten Mutter und meine Sehnsucht, ganzheitlich als Frau zu leben, immer stärker zu spüren. In dieser Zeit verglich ich mein Leben mit einem Haus, in dem viele „Zimmer“ – Gefühle, Gaben, Willenskräfte – noch unbewohnt waren. Es ging nicht nur um die Entfaltung meiner Weiblichkeit, sondern um die Entwicklung zahlreicher Facetten meiner Identität. Behutsam ging Gott Schritt für Schritt mit mir. Ein „Zimmer“ um das andere wurde in mein Blickfeld gerückt und ich konnte es füllen. Wie geschah das? Für viele Menschen ist es selbstverständlich, dass sie wissen, welche Gefühle sie wann haben und wie sie gefühlsmäßig auf die verschiedensten Umstände im Leben reagieren. Ich wusste es oft nicht, vieles war so diffus und unbestimmt. So nahm ich mir vor, dem immer wieder nachzuspüren. Ich lernte meine Ängste kennen und ihnen zu begegnen, beispielsweise wenn ich mich abgelehnt fühlte oder den Eindruck hatte, jemand mag mich nicht. Indem ich sie wahrnahm, lernte ich zu unterscheiden, was ich meinte zu spüren und was der Wirklichkeit entsprach. Ich lernte, direkt auf Menschen zuzugehen und auch nachzufragen und nicht nur zu interpretieren.
Auch war mir nicht klar, was ich kann und was ich nicht kann. So ließ ich mich in meiner Arbeit herausfordern, um herauszufinden, wo meine Grenzen liegen.
Die Frage: „Was willst Du eigentlich?“ brachte mich ins Schwitzen, weil ich das nicht so einfach abrufen konnte. So dachte ich immer wieder darüber nach und begann, meinen Willen zu äußern, ihn auszudrücken – anfangs nur vor mir selbst, mit der Zeit auch vor anderen.

Immer mehr wurde mir bewusst, worin der tiefe innere Mangel bestand, der mich jahrelang gequält hatte. Ihn hatte ich durch eine Beziehung mit einer anderen Frau zu füllen versucht. Aber das hatte nicht funktioniert und ich wollte es auch nicht mehr, obwohl ich mich immer noch hin und wieder in eine Frau verliebte. Mein Wunsch, meine eigene Persönlichkeit zu entdecken und sie nicht mehr in einer anderen Frau zu suchen, war stärker geworden.

Als ich innerlich stabiler wurde, begann ich immer mehr zu trauern und diese Trauer auch auszuhalten. Sie fühlte sich letztlich gut an, weil sie mich mit der Wirklichkeit meines Lebens in Berührung brachte. Ich spürte, dass ich mich dadurch mehr und mehr aufrichtete und mich mit allen Bereichen meines Lebens besser annehmen konnte.
Lange Jahre hatte ich unter einer tiefen Selbstverachtung gelitten, die sich in vernichtenden Stimmen bemerkbar gemacht hatte: „Du wirst das niemals schaffen!“ „Eines Tages wird Dein ganzes Leben zusammenbrechen.“ „Du bist nicht liebenswert.“ „Wie kannst Du Dich auch nur so blöd anstellen.“ „So darfst Du nicht denken.“

Allmählich begann ein neues Lebensgefühl in mir zu keimen. Meine Persönlichkeit entfaltete sich. In den Herausforderungen des Alltags sah ich nun Chancen, weiter zu wachsen und zu reifen. Und doch brachen die Gefühle der Einsamkeit und Heimatlosigkeit immer wieder auf. Ich lernte, ihnen nicht mehr auszuweichen, sondern sie willkommen zu heißen und zu trauern über das, was in meinem Leben gefehlt hatte.

Wenn ich jetzt Männern und Frauen begegnete und nicht wusste, wie ich mich ihnen gegenüber verhalten sollte, lernte ich, diese Unsicherheit auszuhalten und übte neue Wege des Umgangs ein. Ich überwand nach und nach meine Schüchternheit, knüpfte Freundschaften mit Frauen und lernte Männer besser kennen.
Ich lernte auch, mich selbst in meiner Art zu respektieren und zu akzeptieren. Es gab Phasen, in denen ich voller Begeisterung Neues ausprobierte. Dann kamen Phasen großer Niedergeschlagenheit, wenn ich mich wieder einmal in eine Frau verliebt hatte und die innere Not mich einholte.

Doch allmählich veränderte sich mein ganzes Lebensgefühl. Durch die Gespräche, das Wahrseinlassen meiner Verletzungen und der damit verbundenen Gefühle, durch das Vergeben war ein Boden entstanden, der mich tragen konnte. Ich fiel nicht mehr in eine bodenlose Leere. Und ich brauchte keine andere Frau mehr, um mich vor dieser Leere zu retten – was ohnehin nicht geklappt hätte. Das Leben in einer christlichen Gemeinschaft, gute, nicht-verschlingende Freundschaften zu mehreren Frauen und eine Aufgabe, die meinen Gaben entsprach, trugen sehr dazu bei, mich selbst als ein Gegenüber zu anderen zu erleben. Eine natürliche Hinwendung zum anderen Geschlecht entwickelte sich, ich lernte Männer verstehen und schätzen. Das hat mich sehr befreit. Und so wurde aus einer schüchternen, verletzten Person eine Frau, die sich dem Leben stellen konnte. Ein Mensch, der fähig wurde, aus den verletzenden Erfahrungen der Vergangenheit herauszuwachsen und Heilung zu erfahren. Oft habe ich dieses innere Bild vor Augen: Eine Wüste, die zum Blühen kam – unvorstellbar, aber wahr.

Diese Erfahrungen haben mein Leben reifen und wachsen lassen. Es entstand der Wunsch in mir, auch anderen Menschen in ihren Nöten Begleiterin zu sein und etwas von dem, was mir geholfen hat weiterzugeben. Nach einer entsprechenden Ausbildung bin ich jetzt seit vielen Jahren in der Beratung tätig. Ich begleite Menschen mit unterschiedlichsten Problemen. Besonders aber liegen mir die Frauen am Herzen, die mit lesbischen Gefühlen kämpfen oder in einer solchen Beziehung leben und sich einen Weg der Veränderung wünschen.

* Pseudonym. Der Name ist der Redaktion des DIJG bekannt.