Edward - Leiden einer Jugend

Der 16-jährige Edward hat homosexuelle Empfindungen und weiß nicht recht, wie er damit umgehen kann. Er hat einen distanzierten Vater, dessen Liebe er sucht und den er gleichzeitig verachtet. Der Artikel beschreibt die Anfänge seiner Therapie, in dem exemplarisch auch die Vater-Sohn-Problematik dargestellt wird.


Den 16jährigen Edward Paterson brachte seine Mutter zu mir, weil sie in seinem Zimmer einige homosexuelle Pornohefte gefunden hatte. Diese Entdeckung führte dann zu dem schmerzvollen Geständnis Edwards, daß er homosexuell sei. Verwirrt und aufgeregt bestand Mrs. Paterson darauf, daß er zu einem Psychologen ging. Mutter und Sohn bewohnten ein großes Haus mit Blick auf den Ozean in Pacific Palisades, während Edwards Bruder und Schwester bei Mrs. Patersons Ex-Ehemann in der Innenstadt von Los Angeles wohnten. Ihr Vater war ein bekannter Rechtsanwalt. Mrs. Paterson erschien in einem eleganten Leinenkostüm mit passender Krokodilledertasche und Schuhen. Ihr Händedruck war kräftig, ihre Art direkt. Sie stellte mir mit ernster Miene ihren Sohn vor, dann ging sie. Beim Hinausgehen drehte sie sich noch einmal um und sagte traurig: „Ich hoffe, Sie können ihm helfen, Dr. Nicolosi.“

Es ist gewöhnlich die Mutter, die das homosexuelle Problem des Sohnes erkennt, und viele Mütter wirken auf ihre Söhne ein, sich doch in eine Therapie zu begeben. Der Vater dagegen scheint das Problem oft gar nicht zu bemerken, und selbst wenn er es sieht, macht er sich selten für eine Therapie stark. Daß Edward so weiblich wirkte und er keine männlichen Freunde hatte, hatte seiner Mutter schon seit Jahren Sorgen gemacht. Schon mehr als einmal hatte sie gedacht, daß dies zur Homosexualität führen könnte. Edwards Vater war völlig überrascht, als er von den pornographischen Heften in Edwards Zimmer hörte.

Er tat mir leid, dieser Teenager, der mir da halb verängstigt, halb trotzig gegenübersaß. War er ein Junge oder ein Mann? Ed war eindeutig etwas von beidem. Sein dunkles Haar fiel in ein blasses, sensibles Gesicht. Er war schlank und etwas schmächtig, aber unter seinem weiten Sweatshirt machten sich eine beginnende männliche Brust und Armmuskeln bemerkbar. Er hatte Angst, so ganz allein mir gegenüberzusitzen. Nach ein paar Höflichkeiten kam ich zur Sache: „Also, Ihre Mutter hat Sie ja hierher gebracht, weil sie unglücklich über Ihre Homosexualität ist.“

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